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Persona 4 Golden (2012)

Persona 4 Golden
© Atlus / SEGA

Erfolg aus dem Nichts

Die Persona Reihe, die eigentlich als Spin-Off der noch obskureren Shin Megami Tensei Spiele gedacht war, erlebte mit Persona 5 in der letzten Konsolengenerationen ihren großen Durchbruch. Die Spin-Offs, die mittlerweile schon über ihren Ursprung hinausgewachsen sind, dominierten sowohl 2017 als auch 2020 die verschiedenen Game of the Year Awards. Ein Wunder ist das nicht, wenn man sich Persona 5 einmal angeguckt.

Ein fantastischer Acid-Jazz Soundtrack, das originelle Gameplay System, dass rundenbasiertes Rollenspiel mit dem Alltag eines Schülers verbindet sowie die vor Stil platzende Inszenierung ist nur zu lieben. So ging es nicht nur Millionen an Spielern überall auf der Welt, so ging es auch mir, als ich 2018 selbst zum ersten Mal ein Persona Spiel gespielt hatte.

Einöde des Alltags

Mit Persona 5 habe ich einem normalen Leben während meinen einwöchigen Faschingsferien lebe Wohl gesagt und mich stattdessen in ein Videospiel-Tokyo gestürzt, das Unmögliches möglich gemacht hat. Nicht nur hatte ich zum ersten Mal seit vielen Jahren wieder Spaß mit einem rundenbasierten Kampfsystem, plötzlich hatte ich auch so viel in meinem Alltag als Schüler in Tokyo zu tun, dass ich mich nicht zwischen für die Schule, Lernen oder Zeit mit Freunden verbringen entscheiden konnte. Nicht dass ich im Jahr 2018 überhaupt jemals eine der beiden Dinge im echten Leben gemacht hätte. Man könnte sagen, dass ich in dieser Zeit exklusiv Persona gelebt habe.

Letztes Jahr veröffentlichten ATLUS und SEGA den Vorgänger Persona 4 Golden auf Steam, was mir die Möglichkeit bat, michwieder einmal in einer Welt zu verlieren, Freundschaften zu knüpfen, Lebenserfahrungen zu sammeln und natürlich letzten Endes auch die Welt zu retten. So funktioniert ein JRPG nun einmal. Das kommt aber äußerst gelegen.

Als ich Persona 5 zum ersten Mal gespielt hatte, war ich ziemlich einsam und habe fast jeden meiner Tage, wenn ich denn nicht in der Schule war, zu Hause mit diversen Videospielen und Filmen verbracht. Klingelt da was? Heute ist das nämlich wieder so. Denn heute läuft mein Leben im Grunde genauso wie vor zwei Jahren auch. Das liegt aber nicht mehr (nur) an meiner Kellerkind typischen Lebenseinstellung, vielen anderen Menschen geht es genauso. Natürlich die Pandemie und die daraus folgende Quarantäne. Gerade dann, wenn es Berg aufging, macht mir das Leben einen Strich durch die Richtung. Soziale Kontakte auf ein Minimum beschränkt, aber immer noch um einiges öfter auftretend als noch vor zwei Jahren und dasselbe öde, abwechslungsreiche vor sich hin gedeihen im Haus.

Ich habe die letzten Jahre kein Persona gebraucht, weil ich mein eigenes Persona gelebt habe. Zeit mit Freunden verbracht, mit neuen Dingen experimentiert und so eine gewisse Zufriedenheit erreicht habe, die sonst so in der Art für mich selten war. Diese Zeit ist aber vorbei.

Einen perfekteren Zeitpunkt, um wieder Persona zu spielen, gibt es wohl nicht. Etwa ein halbes Jahr ist seit der PC-Veröffentlichung vergangen. Damals habe ich das Spiel noch nicht gebraucht, aber heute schon.

Und wieder sitze ich stundenlang angefixt vor dem Computer, eine Erfahrung, die ich so auch schon seit langer Zeit nicht mehr erlebt habe. Es ist zwar nicht so extrem wie noch vor zwei Jahren: EineWoche lang nichts anderes tun als Spielen, Überspringen von Mahlzeiten, nicht Duschen und auf jeden Fall keinen Schritt aus dem Haus tun, als würde mein Leben davon abhängen. Absolute Widmung gegenüber dem Spiel, die ich heute nicht mehr aufbringen kann. Besser so.

Fernsehen, Mord und Schattenseiten

Persona 4 Golden weiß mich genauso zu überzeugen wie sein Nachfolger. Im Kern ein sehr ähnlicher Aufbau. Wieder spielt man einen stummen Protagonisten, der über ein Jahr in eine fremde Stadt zieht, dort eine neue Umgebung für sich entdeckt, Freunde findet und zur Schule geht, während er nebenbei in seiner Freizeit in einer verzerrten Darstellung der Realität ein Mysterium retten muss.

Persona 4 Golden
© Atlus / SEGA

Hier handelt es sich bei diesem Mysterium um einen Serienmord, der kurz nach Ankunft des Protagonisten in der neuen Stadt beginnt. Schnell findet man heraus, dass diese Tode irgendwie mit einem mysteriösen Fernsehprogramm, dem „Midnight Channel“ zusammenhängen. An regnerischen Nächten wird das nächste Mordopfer auf diesem Programm gezeigt und es liegt an dem Protagonisten und seinen Freunden mit ihren Kräften in den MidnightChannel einzusteigen, und zwar buchstäblich durch den Fernseher. Wie das funktioniert, weiß ich bisher auch nicht. Mit jedem geretteten Mordopfer stößt ein neuer Kamerad in die Truppe hinzu und gemeinsam macht man es sich zur Aufgabe, die Morde zu stoppen, die Identität des Mörders herauszufinden und das Mysterium des Midnight Channels zu lösen.

Ein großer Teil des Gameplays findet innerhalb des Fernsehprogramms statt. Wie in einem klassischen JRPG kämpft man sich durch Dungeons, levelt auf und entwickelt neue Fertigkeiten, bis man am Ende seiner Reise angekommen ist. Persona macht das ganze Prinzip aber interessanter. Gekämpft wird nämlich mit Personas. Jedes der Teammitglieder muss sich erst ihrem eigenen Schatten stellen, um an ihre Persona zu kommen. Was heißt das? Nun ja. Schatten stellen all die unterdrückten Aspekte einer Persönlichkeit da. All die Aspekte, die irgendwo im Hinterkopf schlummern, einen immer wieder belästigen und je nach Situation stark auf die Stimmung ausschlagen können. In meinem Fall wären es Gedanken wie Einsamkeit, Angst und Frust. All die Aspekte meiner selbst, die mich dazu bringen, negative Gedanken über mich selbstund andere zu hegen. Es geht nicht darum, seine Schatten zu besiegen, indem man sie bekämpft und loswird. Es geht darum, dieseandere, unterdrückte Seite seiner selbst zu akzeptieren. Nur durch diese Akzeptanz durch das Lernen der Wahrheit über seine Person erweckt man auch seine Persona. Im Versuch, die Wahrheit über die Mordfälle herauszufinden, findet man auch die Wahrheit über sich selbst. Jeder der Charaktere, die Teil des Investigationsteams sind, macht so eine Art von Akzeptanz durch. Man lernt so nicht nur viel über die Charaktere, auf gewisse Weise lernt man auch viel über sich selbst und das, was man vor sich und der Welt versteckt halten will.

Persona 4 Golden
© Atlus / SEGA

Der Kampf…

Innerhalb der Dungeons heißt es dann mit seinen Personas Schatten zu bekämpfen. Es sind nicht mehr die eigenen Schatten, es sind die Schatten der Person, die diesen Dungeon erschaffen hat. Dungeons sind die Manifestationen der unterdrückten Ängste der dort festsitzenden Mordopfer. Jeder der Dungeons ist einem Charakter gewidmet. Der Mörder bringt diese Charaktere in den Midnight Channel mit dem Ziel, dass das Opfer an seinem eigenen Schatten stirbt. Es liegt an mir, dem Protagonisten und meinen Freunden diese Person vor den Schatten zu retten und ihr letzten Endes zu helfen, sich selbst zu akzeptieren, um dem Mordversuch zu entgehen.

Aber nicht nur thematisch funktioniert das Gameplay von Persona. Im Gegensatz zu anderen rundenbasierten Rollenspielen wie Pokemon, stehe ich hier voll und ganz hinter dem Kampfsystem. Es geht nicht darum, strategisch die effektivsten Angriffe gegen seine Feinde auszuüben. Zumindest nicht nur. Jeder Feind hat eigene Schwachpunkte und Stärken. Diese Schwachpunkte auszunutzen sorgt nicht nur für erhöhten Schaden, sondern wirft seine Feinde auch noch um. Mit jedem umgeworfenen Gegner kriege ich direkt einen weiteren Zug und muss keine Runde abwarten. Diesen Zug kann und sollte ich dazu ausnutzen, um die Schwachpunkte der anderen Gegner ausnutzen, bis jeder geschwächt auf dem Boden liegt. Wenn das funktioniert, kann man einen verheerenden Teamangriff ausführen, der in den meisten Fällen den Kampf sofort erfolgreich beendet. Persona ist in dem Sinne mehr wie ein Puzzle als ein einfacher Kampf. Es geht darum, perfekt zwischen meinen und den Fähigkeiten meines Teams hin und her zu wechseln, um jeden Feind so schnell wie möglich kampfunfähig zu machen. Durch eine perfekte Kombination der Angriffe ist der Kampf schneller vorbei und ich fühle mich vor allem ziemlich cool.

Persona 4 Golden
© Atlus / SEGA

…und das Leben

Das ist aber nicht der einzige Aspekt des Persona Gameplays. Die Spiele haben eine ganze weitere Ebene an Aktivitäten, die Persona erst zu dem Machen, was es ist. Eine Ebene, ohne die ich Persona nicht so sehr lieben würde, wie ich es nun einmal tu.
Neben seinem Rumrennen durch Dungeons, darf man sich in seiner Freizeit auch die Füße in der realen Welt vertreten, dort Freunde treffen, arbeiten gehen und alles Mögliche, was ein Schüler in der Oberstufe so tun würde.

Die ganze Handlung von Persona 4 ist über einzelne Tage aufgeteilt. An jedem Tag über dem Verlauf von einem Jahr gibt es entweder zu tun. Entweder wird man handlungsbedingt den Mordfall ermitteln, Zeit mit all seinen Freunden verbringen oder auch Tests schreiben. Aber öfter als nicht lässt einen das Spiel frei entscheiden, wie man diese Tage verbringen möchte. Ich liebe diesen Teil von Persona, es ist der soziale, fast schon Lebenssimulations Aspekt der Persona wirklich erst seine eigene Identität verleiht.

Persona 4 Golden
© Atlus / SEGA

Schließlich verbringe ich nicht meine ganze Freizeit im Midnight Channel, ich bin ein Jugendlicher. Ich möchte Dinge erleben und das lässt Persona auch zu. In meiner Freizeit heißt es an seinen Charaktereigenschaften arbeiten, Freundschaften vorantreiben und Geld verdienen. Für jede solche Aktion schreitet die Zeit im Tag weiter voran. Normalerweise hat man immer einen Nachmittag und Abend, um seine Zeit mit den verschiedensten Dingen zu verbringen. Nachmittags treffe ich mich mit einem Freund und abends sitze ich beim Regen am Tisch und lerne, weil das Lernen bei Regen einen Bonus auf den Intelligenz-Wert meines Charakters gibt.

Es heißt immer seine Tage so durchzuplanen, dass man möglichst effektiv durch sein Leben schreitet. Die Förderung meiner Charaktereigenschaften lässt mich zum Beispiel bessere Noten in der Schule schreiben oder aufgrund meiner hohen Fähigkeit zur Expression mit dieser einen Person reden, die viel zu schüchtern wäre, um sonst ein Wort mit mir zu wechseln. Bessere Charaktereigenschaften helfen immer beim Versuch, Zeit mit anderen Charakteren zu verbringen. Entweder erlauben sie es einem erst jemanden anzusprechen, oder man erhält durch seine Eigenschaften eine Dialogoption, die dem anderen Charakter um einiges sympathischer ist.

Persona 4 Golden
© Atlus / SEGA

Warum macht man das Ganze? Zum einen, weil der Aspekt des sozialen Lebens in Persona einen genau so großen Teil einnimmt wiedas typische Erkunden eines Dungeons und zum anderen, weil sich Boni aus dem Sozialleben auch auf eben typisches Erkunden von Dungeons auswirkt. Beim Verbringen von Zeit mit seinen Freunden lernt man immer mehr über diese Charaktere, sie haben ihre eigenen kleinen Nebengeschichten, die sich vollkommen optional von der eigentlichen Handlung abspielen. Und während man seine Freunde kennenlernt und ihnen mit ihren Problemen hilft, wächst die Beziehung, was letzten Endes dafür sorgt, dass sie im Kampf neue Fähigkeiten freischalten, wie zum Beispiel, dass sie mich vor einem tödlichen Schlag retten können oder nach dem Ausnocken eines Gegners einen weiteren kritischen Treffer hinterherjagen.

Allerdings heißt es oft, seine Freizeit aufgeben zu müssen, denn diese Dungeons zu besuchen ist auch Teil der täglichen Aktivitätsvielfalt. Wenn man den nächsten von der Story bedingten Dungeon nicht schnell genug abschließt, heißt es nämlich: Game Over. Es ist auch nicht unbedingt einfach, einen Dungeon an einem freien Tag abzuschließen. Eine volle Herstellung seiner Statuswerte erlebt man in der Regel nur durch die Rückkehr in die reale Welt und einem ausgeruhten Zurückkommen an einem anderen Tag. Man steht die ganze Zeit unter Zeitdruck, um möglichst viel aus seinen DungeonBesuchen, damit man seine kostbare Freizeit mit anderen Aktivitäten verbringen kann.

Persona 4 Golden
© Atlus / SEGA

Und das macht einfach Laune. Es ist immer ein überlegen, wie man denn seine freie Zeit an einem freien Tag verbringen soll. Ich möchte immer so viel Zeit wie möglich damit verbringen, meine Freunde besser kennenzulernen. Ich möchte so viel Zeit wie möglich damit verbringen, mein Schüler Leben zu führen, aber die Pflicht ruft. Prioritäten müssen gesetzt werden. Diese Dynamik zwischen sozialem Leben und dem Retten der Mordopfer macht Persona 4 erst so grandios. Beide Teile des Spiels wären für sich ebenfalls gut, aber so wäre Persona definitiv nie zu dem Kult Hit geworden, der er heute ist.

Kleine Stadt, große Liebe

Golden spielt nicht wie sein Nachfolger in einer Großstadt Tokyo,sondern stattdessen in einer Kleinstadt namens Inaba. Sofort wurde mir der Größenunterschied zu Tokyo aus Teil 5 bewusst. Die Atmosphäre der Stadt ist vollkommen anders, die Menschen beharren auf ihre lieb gewonnen seit Generationen erhaltenen Läden, der lokale Schrein spielt eine größere Rolle und die Menschen können sich nicht entscheiden, ob der Einzug eines Supermarktes in die Kleinstadt ein Segen oder ein Problem ist.

Persona 4 Golden
© Atlus / SEGA

Inaba ist für mich schon in dem Sinne interessant, dass ich selbst mein ganzes Leben in einer Großstadt gelebt habe. Während Persona 5 in dem Sinne eine Flucht in eine andere Großstadt war, eine Stadt mit mehr Möglichkeiten an einem ganz anderen Fleck der Welt, war dieses Großstadtleben doch ähnlich zu meinem. Stattdessen bietet mir Inaba etwas ganz anderes. Die Menschen kennen sich gegenseitig, jeder Bewohner kennt dieselben Hotspots und das Gefühl der Zugehörigkeit ist gleich viel stärker als in der Großstadt. Es ist ein viel persönlicheres Gefühl, durch Inaba zu laufen als durch Tokyo oder auch meine eigene deutsche Metropole. Es hat eine gewisse beruhigende Wirkung, aus der Großstadt raus zu sein, die selbst jetzt, wo ich aufgrund der Pandemie doch seit Monaten nicht mehr viel in der Stadt unternommen habe, eine äußert beruhigende Wirkung hat. Inaba ist einfach entspannt, ich fühle mich in dieser kleinen Videospielstadt wohl. Sie ist sowohl ein Entkommen aus dem Großstadtleben als auch eine schwache Erinnerung an das Sozialleben, das man vor einem Jahr noch genießen konnte. Egal wie aufregend es doch war, Tokyo zu erkunden, Inaba steht auf seinen eigenen zwei Beinen. Und das stolz und aufrecht.

Persona 4 Golden
© Atlus / SEGA

Ein großer Teil dessen, warum Inaba mir so schnell ans Herz gewachsen ist, sind die Charaktere. Noch viel mehr als in Persona 5 sind die Freunde im Investigationsteam um die Serienmorde eine idealisierte Version von Freundschaft. Den Jungs und Mädchen bei ihren verschiedenen Eskapaden in und um die Stadt herum zuzusehen, ist herzerwärmend. Ich und sie erleben so viele Dinge, die selbst während einer Pandemie im echten Leben schwer umzusetzen wären. Jeder der Figuren räsoniert miteinander, jeder hat etwas Lustiges zu sagen und durch die zahlreichen absurden Situationen, in denen sich die Truppe wiederfindet, entsteht wirklich das Bild einer Gruppe an Freunden.

Akzeptanz

Wieder einmal hilft mir diese Spielereihe durch eine schwere Zeit. Nicht nur ist Persona 4 Golden ein verdammt gutes Spiel, es ist ein Fenster in eine Welt, die einmal war und die irgendwann mal wieder wird. Die Kombination von JRPG und Lebenssimulation machen Persona nicht nur einzigartig, sondern für mich auch enorm wichtig. Was einmal ein Weg für mich war, das Leben eines normalen Schülers zu leben, ist heute mein einziger Weg wieder ein normales Leben haben. Es ist wie eine warme Pelzdecke an einem kalten Tag. Oder in jetzigen Fall mehrere kalte Monate. Persona ist gefüllt mit Wärme. In jeder Hinsicht. Von der Wärme, von Freundschaften oder der Wärme einem sagen zu können: „Du bist nicht perfekt, aber niemand ist das. Akzeptiere dich selbst und deine Fehler niemand, sonst kann das für dich tun.“

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