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Review – Spider-Man: No Way Home (Jon Watts, 2021)

Spider-Man: No Way Home

Vor bald 20 Jahren erschien Sam Raimis Spider-Man im Kino und stieß so fast schon eigenhändig die heutige Ära des Superheldenkinos an. Fünf, oder sogar zehn Filme später, wenn man Crossover-Filme wie Civil War oder die Spin-Offs à la Venom mitzählen möchte, kulminiert Spider-Mans Geschichte auf der großen Leinwand in Spider-Man: No Way Home.
Spider-Mans drittem Solo-Film im Marvel Cinematic Universe, Spider-Mans zweitem dritten Solo-Film nach dem ersten dritten Teil in 2007.

Nun mit den drei modernen Live-Action-Adaptionen des Charakters und der heutigen Hollywood-Nostalgie Ära war es an sich nur eine Frage der Zeit, bis auch Spider-Man sich im Netz der Erinnerungen und Referenzen wiederfindet. Und funktioniert hat das natürlich auch. Selbst während der Zeiten der Corona-Pandemie stellt No Way Home überall Rekorde auf. Meistgeguckter Trailer innerhalb von 24 Stunden, höchste Anzahl an Ticketvorverkäufen überhaupt.

No Way Home baut auf dieser Nostalgie offensichtlich auf. Die Bösewichte aus den alten Filmen kehren zurück! Aber dabei wird im Promo-Material gar nicht mal so viel gezeigt, wie man es vielleicht erwarten würde und überrascht immer wieder damit, was genau es eigentlich mit der Rückkehr dieser Charaktere auf sich hat.

Das größte Kompliment, das ich No Way Home aussprechen kann, ist dass es sich aber nicht komplett auf seinen Fanservice stützt. NWH ist der erste MCU Film, der mich glauben lässt, dass dieses Universum endlich die Essenz des weltberühmten Wandkrabblers zu verstehen mag.

Die gute alte Verantwortung

MCU Peter Parker hatte es bei mir nie leicht. Enttäuscht von Homecoming, einem Spider-Man Film, der in seinen Grundzügen zwar unterhaltsam ist, aber nie die Höhen erreicht, die er erreichen sollte. Gleichgültigkeit gegenüber Far From Home, einem Film, der auch wieder unterhalten mag, aber dabei so irrelevant, ohne große Höhen und Tiefen erscheint, dass ich ihn in meinem Kopf schon ein paar Tage nach meinem Kinobesuch zu einem der schlechtesten Spider-Man Filme krönen musste.

Jon Watts Inszenierung von Spider-Man konnte bis jetzt einfach nie wirklich mit mir räsonieren. Peter ist ein aufgeweckter Junge, aber wurde nie so mit seinen Entscheidungen konfrontiert, wie ich es mir gewünscht hätte. Peter Parker trägt immer wieder die Konsequenzen seiner eigenen Verantwortung. In den Comics, in den Videospielen, in den älteren Filmen. Im MCU macht er das nicht. Zumindest nicht zu so einem Maße, dass man ihm wirklich abkaufen würde, dass er etwas verliert, etwas aufgibt, um das Richtige zu tun. Denn wie Tante May es in der Raimi-Trilogie so schön formulierte: Ein Held ist, wer das aufgibt, was er am meisten will. 

Spider-Man: No Way Home
© Sony Pictures Entertainment / Marvel Studios

In No Way Home ist es endlich für Peter an der Zeit, ein Held zu werden. Nach dem Cliffhanger Ende des Vorgängers läuft alles schief. Peters Identität gerät an die Öffentlichkeit, sein Leben verändert sich permanent – bis zu einem gewissen Punkt. Wie jeder, der die Trailer zum Film geguckt hat, schon weiß, entscheidet Peter sich eines Tages dafür, Dr. Strange einen Besuch abzustatten, in der Hoffnung, dass Stranges Magie alles wieder so wie vorher werden lässt. Peter will die Konsequenzen doch nicht tragen. Auch schon im Trailer zu sehen: Alles läuft schief, alles wird schlimmer – und Peter muss endlich lernen, was es heißt Spider-Man zu sein. Denn aus großer Kraft… ihr wisst schon.

Die daraus resultierende Geschichte ist Spider-Man in seiner Essenz. Peter leidet, Peter kämpft weiter und Peter macht entscheidet sich dafür das Richtige zu tun. Peter ist Spider-Man. Es hat drei, beziehungsweise sechs Filme gebraucht, bis er diesen Punkt erreicht hat. Aber er hat ihn erreicht. Und es fühlt sich gut an, ihn endlich an diesem Punkt zu sehen.

Die freundliche Spinne aus der Nachbarschaft

An den vorherigen Film direkt anschließend fühlt sich Spider-Man plötzlich so an, als wäre er wirklich Teil dieses Universums. Homecoming zeigt am Anfang eher kurz die Seite der normalen Bürger, aber das war es dann auch schon wieder. Nicht viel von MCU Spider-Mans Szenen finden wirklich in einer belebten Stadt statt. Hier wird nicht so viel Zeit dafür verwendet wie in den Filmen von Raimi und Webb, keine jubelnde Bevölkerung im Anblick der Spinne, keine Solidarität zwischen New York und Spider-Man. Aber was hier getan wird, funktioniert schon um Welten besser als das, was innerhalb des MCUs vorher kam.

Nach der Veröffentlichung von Spider-Mans Identität zeigt sich New York nämlich besonders aufmerksam. Die Leute drehen sich nach ihm um, versuchen ihn zu berühren, stehen extra auf ihren Balkons, um ihn zu Gesicht zu bekommen. Peter darf hier und da auch nicht nur Bösewichte bekämpfen, sondern gleichzeitig versuche, die Bewohner New Yorks lebend aus einer Kampfsituation wieder herauszubekommen. Auch die Sendungen des Daily Bugles tragen dazu bei, dass es sich jetzt endlich so anfühlt, als wäre Spider-Man Teil seiner Stadt.

Spider-Man: No Way Home
© Sony Pictures Entertainment / Marvel Studios

Schließlich ist Spider-Man ein Freund seiner Nachbarschaft, er ist ein Held, der vor allem auf den Straßen aktiv ist, normalen Menschen hilft und Bösewichte besiegt, die nicht die Welt übernehmen wollen, sondern viel persönlichere Ziele im Auge haben. Darstellen kann man das nur, wenn man die Beziehung des Helden zu seiner Stadt auch wirklich zeigt – und No Way Home greift das im MCU zum ersten Mal zufriedenstellend auf, zeigt dass Spider-Man seine Fans hat, und macht Peters Relevanz für seine Heimatstadt gegen Ende auch zu einem handlungstragenden Element.

Die Folgen des Marvel Cinematic Universe

Wo NWH allerdings stolpert, ist wieder einmal beim Filme-Machen an sich. Dabei fängt es doch so gut an. Ein paar kreative Spielereien mit der Kamera, vor allem die Plansequenz innerhalb von Peters Apartment und ein paar andere nette Einsätze von Whip Pan Transitions oder Dolly Zooms sind schön anzusehen, aber viel mehr passiert mit der Kamera auch nicht.

Dasselbe gilt auch bei den Actionsequenzen, denen wirklich der Impact fehlt, um als Highlight des Films zu gelten. Bei so vielen ikonischen Bösewichten definitiv etwas enttäuschend. Watts versucht nicht einmal die Dynamik eines Webbs in der Bewegung der Figuren oder die Dynamik eines Raimis in der Kameraarbeit einzufangen.

Spider-Man: No Way Home
© Sony Pictures Entertainment / Marvel Studios

Das liegt vermutlich wieder zu einem großen Teil an der Kultur der Marvel Studios, die scheinbar kein Interesse daran haben, ihren Filmemacher freie Hand bei der Gestaltung ihrer Werke zu lassen. Oder es liegt auch wirklich nur an Jon Watts, der mir nach seinem dritten Spider-Man Film immer noch keine wirkliche Identität, keinen Stil, keine Seele zu haben scheint. Sowohl Raimi und Webb hatten bei der Inszenierung ihrer Spinnen-Männer mehr zu bieten. Aber solange man nicht weiß, ob das wirklich an Watts mangelnder Kreativität oder Vorgaben der Marvel Studios liegt, ist es schwer, eine definitive Aussage darüber zu treffen, woran es hier immer wieder scheitert.
Die zahme Regie ist vermutlich der schwächste Aspekt des ganzen Films, eine Tatsache mit der nicht nur No Way Home innerhalb des MCUs zu kämpfen hat.

Weitere Übeltäter

Wo die Regie noch ganz akzeptabel, aber nie aufregend ist, wären wir dann aber bei dem einzigen wirklich konsequent schwachen Aspekt des Films. Es ist einfach nicht nur die Regie, es ist das Pacing, es ist nicht das ‚was‘, es ist das ‚Wie kommen wir von A nach B?‘. Sobald der Fokus von Peters persönlichem Drama auf seine Gegenspieler aus dem Multiversum fällt, kommen Watts und Marvel nicht damit hinterher eine wirklich dichte Erzählung zu strukturieren. 

Sobald Peter die Lösung seiner Probleme beim merkwürdigen Doktor ersucht, fühlt es sich so an, als würde der Film wiederholt starten, stoppen, starten und wieder stoppen. Es passiert eine wirklich lange Weile nichts von Belang, sodass man sich denkt, dass ein großer Teil des Films einfach hätte rausgeschnitten werden können. 

Spider-Man: No Way Home
© Sony Pictures Entertainment / Marvel Studios

Es wird zu viel Zeit dafür genutzt, den emotionalen Höhepunkt hinauszuzögern, anstatt wirklich zu ihm aufzubauen. Diese Zeit wird stattdessen mit Fanservice verbracht. Zugegebenermaßen, die Szenen sind alle ganz nett, definitiv hier und da auch interessant, aber auch so selbst/fremdreferenziell (je nachdem, ob man die vorherigen Teile jetzt als Teil des MCUs sieht), dass sie innerhalb der Erzählung um Tom Hollands Spider-Man nicht alle einen narrativen Zweck erfüllen. 
Ich habe im Kino hier und da gelacht, r/Raimimemes wird sich über das neue Material freuen, aber nichtsdestotrotz habe ich auf die Leinwand gestarrt und habe den Gedanken, dass nichts gerade einen wirklichen Zweck erfüllt, aus dem Kopf bekommen können.

Im Grunde besteht der gesamte zweite Akt aus spannungsloser Action und Fanservice, was in einem emotionalen Höhepunkt mündet, der dafür allerdings so gut ist, dass es wie eine große Verschwendung wirkt, dass der Aufbau zu diesem Moment hin nicht besser war. Insbesondere, weil ich gar nicht behaupten kann, dass ich verstehe, was auch innerhalb der Handlung der Sinn hinter vielen Momenten aus dem zweiten Akt war. Ich weiß zwar, was erreicht werden sollte, aber ich weiß nicht, wie das Erreichen dieses Ziels dann wirklich aussehen würde. Und der Film ist selbst am Ende noch nicht daran interessiert, einem zu zeigen, wofür das ganze Gehabe eigentlich gut war.

Der zweite Akt ist im Grunde ein großer Lückenfüller. Per se nicht direkt schlecht, hier und da ein paar durchaus gute Elemente, aber vermutlich der Teil des Films, über den sich am meisten gestritten werden wird. Man merkt einfach, dass er für die Fans geschrieben wurde, aber nicht für die Story.

Und trotz allem wird Spider-Man zu Spider-Man

Letzten Endes ist das ganze Multiversums-Element der Handlung wirklich nur da, um mit Hilfe von Nostalgie eine noch größere Zuschauerschaft ins Kino zu locken als ohnehin schon. Die wichtigen Elemente für eine Peter Parker Story sind allesamt auch ohne die diversen alten Bösewichte vorhanden. Im Grunde könnte es auch nur einen einzigen Gegenspieler geben. Er könnte die meisten für Peter und seine Entwicklung direkt relevanten Handlungsabläufe genauso gut umsetzen wie die Besucher aus den fremden Universen.

Spider-Man: No Way Home
© Sony Pictures Entertainment / Marvel Studios

Zwar ist es eine halbwegs logische Konsequenz von Stranges Zauber, dass so das Multiversum ins Spiel gebracht wird, aber wir wissen alle ganz genau, dass man den Zauber auch andere Konsequenzen haben lassen können. Der Punkt ist:

No Way Home ist eine Zelebrierung der vorherigen Filme. Und das macht das Ganze auch wiederum okay. Man muss nicht auf den ganzen Fanservice verzichten. Weil diese Handlung auch so schon funktioniert. Zwar gerade nur so und mit viel Mühe zusammengeschweißt, aber sie funktioniert. Und sie soll auch nur funktionieren, um all diesen Schauspielern eine weitere Chance im Rampenlicht eines übergroßen Blockbusters zu gewähren.

Spider-Man: No Way Home
© Sony Pictures Entertainment / Marvel Studios

Es ist jetzt auch nicht so, als wäre der zweite Akt wirklich komplett sinnlos. Die verschiedenen Bösewichte dienen allesamt als Vehikel, um Peter lernen zu lassen, was es heißt, das Richtige zu tun und ein Held zu sein. Hier führt Peter seine Überzeugungen an und kämpft dafür, diese umzusetzen. Vieles davon findet nicht über Faustschläge, sondern Gespräche und Empathie statt. Empathie, die andere Helden vermisse, aber Spider-Man niemals vermissen sollte.

Somit erfüllt der zweite Akt zwar einen Zweck, der durchaus seine Daseinsberechtigung in einem Spider-Man Film hat, aber die Art, auf die dieses Handlungselement erzählt wird, hinterlässt einen bitteren Beigeschmack. Es wird sich immer wieder direkt auf die vorherigen Filme bezogen, die Szenen stehen einfach nicht für sich. Dadurch wirkt der ganze Akt so verwässert, so unfokussiert auf das, was eigentlich erzählt werden soll, dass ich nicht weiß, ob der Zweck innerhalb der Erzählung hinreichend erfüllt wurde. Weniger hätte mehr sein können, vieles davon war nicht nötig, aber darum geht es halt einfach nicht. Hier war nicht die pointierte Erzählung um Peter wichtig. Dass man das so stark merkt, ist der Punkt, der den zweiten Akt so stark zum Wanken bringt. 

Es geht eben vor allem darum, die Fans glücklich zu machen, – das heißt ja schließlich auch mehr Geld für die Studios, ganz abgesehen davon, wie pur die Intentionen hinter dieser Masche sind. Jeder dieser Bösewichte kriegt irgendetwas zu tun, irgendetwas zu erzählen, was die Fans glücklich machen wird. Die einen kriegen mehr, die anderen weniger. Sie sind Instrumente, die einzig und allein für die Fans gespielt werden. Sie erfüllen zwar auch ihren Zweck für Peters Charakter, aber noch viel mehr als das erfüllen sie ihren Zweck gegenüber dem Publikum.

Spider-Man: No Way Home
© Sony Pictures Entertainment / Marvel Studios

Das würde mich unter anderen Umständen mehr irritieren. Ich meine – genau aus diesem Grund hasse ich The Rise of Skywalker. TRoS ist der Abschluss einer anderen Trilogie, der sich genau wie No Way Home, darauf fokussiert, die Fans der alten Filme irgendwie glücklich zu machen, indem man so viele Elemente aus den vergangenen Zeiten aufgreift, dass jeder irgendetwas zum Glücklichsein findet. Der Unterschied ist: Bei No Way Home funktioniert es.

Im Kern versucht NWH nämlich eine Geschichte zu erzählen, in der Tom Hollands Spider-Man endlich zu dem Wandkrabbler wird, den so viele von uns schon lieben und kennen. Ein Charakter, der Konsequenzen tragen muss, der leidet, der wiederaufsteht der es nicht einfach hat. Ein Charakter, der inspiriert. 
Trotz der Anwesenheit multiverseller Gäste schafft NWH es diese Geschichte auf so eine Weise rüberzubringen, dass sie funktioniert. Genau das macht den Film vielleicht wirklich zu einer Zelebrierung des Charakters. Nicht nur auf einer Ebene der reinen Nostalgie, sondern auch, weil Peter Parker zu den Wurzeln zurückfindet, die wir an ihm so geliebt haben. Von der wir uns inspirieren haben lassen und inspirieren lassen werden. In No Way Home wird Peter Parker zu Spider-Man. In The Rise of Skywalker wurde niemand zu einem Skywalker. Oder zumindest wurde niemand davon überzeugt.

Spider-Man: No Way Home
© Sony Pictures Entertainment / Marvel Studios

Er ist zurück

Lange Rede, kurzer Sinn. In der heutigen Hollywood Blockbuster Landschaft ist No Way Home kein besonders kreatives unterfangen. Der Markt will Nostalgie, der Markt kriegt Nostalgie. Dennoch ist es erstaunenswert, dass NWH eine Seele besitzt. Dass der Film der Trilogie, der am meisten von Profitprognosen und dem Marketingteam beeinflusst wurde, eine Geschichte erzählt, die innerhalb des MCUs schon längst hätte erzählt werden sollen. 
So ist NWH zwar nicht der beste Spider-Man Film, aber definitiv der Beste innerhalb des MCUs. Ein Film, der die Türen für mehr öffnet und endlich viel zu lange offengelassene Türen schließt. 

Nicht nur die Bösewichte sind zurück. Auch Spider-Man ist es. Der Held meiner Kindheit.

Er ist zurück.

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