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Superhelden-Quintessenz: Spider-Man

So wie langwierige Fantasy-Epik in den frühen 2000ern nicht aus den Kinos wegzudenken war, ist heute so ziemlich alles, was mit dem Suffix “helden” endet, omnipräsent. Egal ob Superhelden, Lieferhelden oder Alltagshelden. Man würde behaupten, jeder wisse, was ein Superheld ist, doch was antwortet man auf die Frage „Was ist ein Superheld?“. „Jemand der andere rettet“ – die langweilige Antwort. Jeder hat seine eigene Auffassung und Sicht dazu, was jemanden zu einem Helden macht. Meine Antwort würde einen einzigen, aber auffälligen Namen enthalten: Spider-Man.

Marvel’s Spider-Man © Sony Interactive Entertainment

Überraschenderweise fanden Superhelden ihren Anfang weit vor 1930, als der unglaubliche Superman konzipiert wurde. In der alten Antike, die von 800 vor Christus bis knapp 600 nach Christus anhielt, entstanden die Sagen des Herakles, dem gottgleichen Helden und die des Achilles, dessen Ferse sein ganz eigenes Kryptonit war. Das Konzept der Achillesferse selbst sorgte besonders in der Geschichtserzählung für ein erstmaliges, durchaus brauchbares Stilmittel im erfinderischen Werkzeugkasten des Dichters. Ja, die Helden mögen nicht in engen Latexanzügen herumlaufen, oder gar kostümiert sein, dennoch sind sie die Protagonisten der ersten Heldenerzählungen. Diese Erzählungen inspirierten wiederum viele Jahrzehnte später Figuren wie Tarzan, Sherlock Holmes oder auch den maskierten Rächer Zorro, von denen jede heldenhafte und übernatürliche Fähigkeiten im Schlepptau haben. Mit DCs Superman, geschrieben, gezeichnet und erdacht von Jerry Siegel und Joe Shuster, betrat der allererste und wahrscheinlich prägendste Held die Bildfläche und Regale vieler nichtsahnender Geschäfte. In der Debütausgabe der Action Comics stellte DC den nahezu perfekten Kryptonier vor. Auf erfolgreiche Verkaufszahlen folgend produzierte der Verlag DC weitere Superhelden wie am laufenden Band. Batman, Flash, Green Lantern, Wonder Woman und Hawkman waren nur ein paar der Namen, die in den folgenden Jahren und Monaten das brandneue Universum – und bald auch das Multiversum – unsicher machten. Mit der Etablierung DCs leben sich auch die Charakteristika eines typischen Helden ein. Helden agierten nur unter einem Pseudonym und kostümiert, um das Heldenleben vom Alltag trennen zu können – oder dies zumindest kläglich zu versuchen. Manchmal wird dies glaubwürdig dargestellt, wie bei den ganzheitlich kostümierten Helden Batman und Flash, während Supermans überzeugende Verkleidung aus einer praktischen Brille und herunter gegelten Haaren besteht. Mut, Altruismus und Unnachgiebigkeit zeichneten die Helden der damaligen, aber auch der heutigen Zeit aus.

Das Entfachen der Flamme

Lange würde es DC sich nicht in Einsamkeit an der Bergspitze der neugeborenen Comic-Industrie entspannen können, da Marvel nur ein Jahr später mit ihrer Human Torch in den Erfolg der Heldenschmiede grätschte. DC konnte mit bewährten Helden und Klischees gegen Marvels erste Heldenexperimente ankämpfen. Mit Geschichten, die ihre Charaktere in gegenwärtige Themen und erschütternde Ereignisse, wie den Zweiten Weltkrieg, eingliederten, hielt sich das neue Medium relevant und erfolgreich. Die anknüpfenden Dekaden gelten als das goldene Zeitalter, in welchem die legendärsten Charaktere, Geschichten und Momente in die doppelseitigen Heftchen gezaubert wurden. In den folgenden Jahrzehnten schaffte das Medium allerdings nicht mehr, den ruhmvollen Erfolg der Glanzzeit zu erreichen, und sollte es künftig auch nicht einmal in Aussicht haben. Die Tatsache ist jedoch, dass Comics eine neue, gewaltige Nische in der Popkultur des 21. Jahrhunderts für sich erobern konnten: die Kinos jeglicher Länder. Weltweit begeistern Spider-Man, Iron Man und, leider, weniger vielleicht auch Superman und Batman Groß und Klein. Die mutmaßlich nichtig gewordenen Bilderbücher des Westens boten somit die Vorlagen für zahlreiche Kassenschlager und Ikonen, zu denen Kinder aus aller Welt, aber auch in gleicher Weise Erwachsene, aufblicken. Schreiber und Schöpfer wie Jim Starlin, der Thanos kreierte und die renommierte Infinity Gauntlet Geschichte erdachte, die Jahrzehnte später als Vorlage für einen der erfolgreichsten MCU-Filme, Avengers: Infinity War, dienen sollte, werden für ihre kreative Arbeit völlig minderwertig entlohnt. Alles rund um diese Thematik verdient abseits dessen jedoch einen eigenen Artikel. Unter all diesen inspirierenden und gottgleichen Legenden reiht sich ebenso ein verarmter, altruistischer Junge aus Queens ein, der mit einer besonderen Gabe – oder eben einem Fluch – erwachsen werden muss. 

Amazing Fantasy © Marvel Comics

Spider-Man erblickte im August 1962 das Licht der Welt, was für ihn aber wohl eher das grelle Schreibtischlicht Steve Ditkos war. Als siebzehnjähriger Junge rettet der anfängliche Peter Parker als freundliche Spinne der Nachbarschaft unzählige Menschen, New York selbst, aber auch hin und wieder die Welt, während er weiterhin versucht sein eigentliches Leben, als armer Student nicht zu vernachlässigen und, vor allen Dingen, geheim zu halten. Anders als seine Mithelden wie Iron Man oder die begabten Fantastischen Vier ist Spider-Man völlig auf sich alleine gestellt, ohne gutaussehendes Superhelden-Team. Spider-Mans Hefte hatten sich mehr als nur befriedigend verkaufen können, ihn musste man also nicht aus einer flehentlichen Handlung heraus in eine zusammengewürfelte Gruppe von schrillen Helden schieben. Als wäre all das für einen Helden nicht schon Bürde genug, wird Spider-Man in vielen Geschichten, besonders am Anfang, nicht als Held der Stadt angesehen. Viel mehr sorgt J. Jonah Jameson, berühmt-berüchtigter Chefredakteur des Big Apples, mit seinem Klatschblatt “The Daily Bugle”, dafür, dass Spider-Man als feiger Ganove dargestellt wird. Unterschiedliche Autoren verfassten und zeugten über die vielen Jahrzehnte gleichermaßen viele Hintergrundgeschichten und Gründe, wieso Jonah der maskierten Spinne verfeindet gegenübersteht. Im Großen und Ganzen läuft es aber darauf hinaus, dass eben dieses Pseudonym die Heldentaten zunichtemacht, weil die Spinne nicht zu seinen, wie Jameson wohl sagen würde, “Heldentaten” stehe, wenn man sich, wie er, unter einer lächerlichen Maske versteckt. Und obwohl Spider-Man all diesen unnachgiebigen Umständen standhalten muss, gibt er nicht auf, und stellt das Leben der anderen über seines selbst. Peters “Parker-Pech” ist dem Charakter genauso wenig wegzudenken, wie das feine Netzmuster auf seinem Kostüm. Das nächste Elend lauert immer hinter Peter, wenn es besser zu werden scheint. Ob die Unglückssträhne mit dem Biss der radioaktiven Spinne anfing, ist für jeden selbst zu beurteilen. Was Peter antworten würde, ist wahrscheinlich vom Zeitpunkt des Fragens selbst abhängig. Peter Parker hat sich nicht ausgesucht, Spider-Man zu sein. Peter Parker muss nicht Spider-Man sein. Aber trotz des unvermeidlichen Unglücks ist er Spider-Man. Spider-Man muss Pech haben, leiden und in Elend leben. Seine mühselig getroffenen Opfer zeichnen Peter Parker als wahren Helden aus – ohne sie wäre er nichts als ein weiterer Held in Marvels, bereits kosmische Ausmaße annehmenden, Riege.

In der Landschaft der damaligen Comic-Industrie war es üblich, dass die Protagonisten wahrlich göttergleich oder Götter selbst waren. Superman ist praktisch unantastbar, Wonder Woman und der Amazonenstamm können Göttern die Stirn bieten und Barry Allen wurde vom Polizisten zu einem wortwörtlich unaufhaltbaren Temposünder. Spider-Man war aber der gewöhnliche Student, mit einer allerdings überdurchschnittlichen Intelligenz, der unerfahren war, Fehler machte und von anderen Helden nur selten ernst genommen wurde. Neben seinem Heldensein war er ein Sohn, Student und obendrein komplett pleite. Klar, er musste sich gegen den ein oder anderen kostümierten Irren beweisen, genauso war aber auch die monatliche Miete einer der ernstzunehmenden Gegner, die es zu bezwingen galt.

Marvel’s Spider-Man © Sony Interactive Entertainment

Die Mentalität der Spinne ist durch und wird durch seine wenigen Mitmenschen geprägt. Die offenbar ausschlaggebendste Person seines Lebens ist sein Onkel Ben. Sam Raimi, Marc Webb und Joe Watts bestätigen die Tatsache, da letzterer sich absichtlich dagegen entschied, die Geschichte des Onkels erneut aufzurollen, da sie in der Popkultur, und besonders bei Fans des Helden-Genres, allumfassend bekannt ist. Nachdem Ben indirekt durch Peters eigene Oberflächlichkeit und dessen Taten ums Leben kommt, hinterlässt er ihm die vielleicht berühmtesten, aus Superhelden-Geschichten entspringenden, Worte, die Peter ein Leben lang verfolgen würden: 

“Aus großer Kraft folgt große Verantwortung.”

Worte, nach denen Peter Parker, und Spider-Man, leben würden. Auch seine Tante, die die Mutterrolle übernimmt, May Parker oder seine gleichermaßen ikonische, rothaarige Freundin Mary Jane, übernehmen tragende Rollen in Peters Entscheidungsfindung. So verfestigt sich Peters Entscheidung, maskiert zu bleiben, nachdem seine Gegenspieler die Leben seiner Geliebten gefährden. Im Ultimate Universum geschieht dies, nachdem Norman Osborn als barbarischer Ultimate Green Goblin Mary Jane von der Brooklyn Bridge wirft, und somit einem der grundlegendsten Momente des Spider-Mans des Hauptuniversums gleicht: dem Tod Gwen Stacys. Mit dem Tod Gwen Stacys wurde nicht nur eine Grenze der jungen, noch experimentierfreudigen, Branche überschritten, es bildete den Mythos rund um Spider-Man und änderte seinen Charakter permanent. Figuren in den Comics von Marvel und DC haben in den ersten Jahren kaum das Zeitliche gesegnet, besonders nicht jene, die auf der Seite des Guten standen. Spider-Man wurde für die verschiedenen Autoren des Charakters allerdings zu alt, und mit Gwen Stacy als feste Freundin wussten sie nicht, wie man die kommenden Handlungsbögen weitergehend spannend und abwechslungsreich gestalten sollte. Es musste zu dem kommen, was gefühlsmäßig alle fünf Jahre nahezu traditionell passiert: Peter Parker wird wieder auf null zurückgesetzt. Von einem Leben in der ersten eigenen Wohnung, mit dem Mädchen, mit dem er sein Leben teilen möchte, und einem besten Freund, der überraschenderweise nicht versucht, ihn umzubringen, geht es für Peter wieder zurück zu May, dort, wo alles anfing. Kontroversen und Streitigkeiten entstanden nicht nur zwischen Fans und Schöpfern, sondern auch zwischen den Schreibern im Inneren selbst. Anders als das DC-Universum wurde das Hauptuniversum Marvels, Erde-616, noch nie zurückgesetzt oder ausgelöscht. Stattdessen wird den Helden jeglicher Fortschritt genommen, damit man neue Leser glauben lassen kann, dass dies ein völlig neuer und unbeschriebener Spider-Man wäre. Und obwohl Peter Parker schon seit den frühen 60er-Jahren als Spinne aktiv ist, scheint er nicht wirklich zu altern. Oder zumindest scheint es so, als würde Marvel die freundliche Spinne aus der Nachbarschaft nicht erwachsen werden lassen wollen.

Eine Maske für jedermann

Die Genialität hinter Spider-Man und den Geschichten, die aus dem rot-blauen Helden entsprungen sind, spiegelt sich heute in fast allen Medien, in denen Peter Parker auftaucht, wider. Mit Spider-Man: No Way Home wird Tom Hollands Spider-Man Iteration des Netzkopfs zu dem, was Spider-Man ausmacht. Zum allerersten Mal ist er wortwörtlich auf sich alleine gestellt, wohnt in einer heruntergekommenen Wohnung im Herzen von Manhattan und hat Entscheidungen getroffen, die ihn nicht nur seine Tante, sondern auch die Verbindung zu allen anderen Mitmenschen gekostet haben, um die Welt zu retten. In der Welt der Animation redefinieren Miles Morales als Spider-Man und Gwen Stacy, eines anderen Universums, als Spider-Woman den gesamten Mythos rund um den Charakter selbst. Stan Lee behauptete einst, dass Spider-Mans beste Qualität seine Kostümierung selbst sei. Unter der Maske könnte eine Frau, ein Mann – ein Mensch jeglicher Abstammung sein, und genau dies beweist Sonys Spider-Man: Into the Spider-Verse aus 2018. Spider-Man ist nicht an Peter Parker gebunden. Jeder kann die Maske tragen und sich der Verantwortung stellen; es zählt einzig und allein die richtige Mentalität – die Mentalität des Spider-Man.

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